Nicht ganz so Stille Nacht

Früher war ja alles besser, so die allgemeine Meinung. Und wenn schon nicht alles, so zumindest Weihnachten. Der Adventsschmuck kam erst nach dem Ewigkeitssonntag ins Haus, die Weihnachtsbäckerei eröffnete am 1. Advent, leuchtende Kinderaugen allüberall, und am Heiligabend ging die ganze Familie in die Kirche, versammelte sich dann um den Tannenbaum, und alle waren dankbar für alle Geschenke. Und heute? Spekulatius gibt es schon im Oktober, die Adventsbeleuchtung führt die E-Werke an ihre Grenzen, nörgelnde Kinder im Advent und an Weihnachten selbst bei den teuersten Geschenken – und überhaupt: Ist ja sowieso alles nur Kommerz. Übrigens: Wer waren nochmal Maria und Joseph?

Es ist wahr: Die christliche Botschaft tritt zunehmend in den Hintergrund. Auch das Kirchenjahr hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Kein Wunder, ist die Religion in Deutschland doch eher auf dem Rückzug.

Die Kirche kann sich nun auf ihre Kernkompetenz zurückziehen und ist dann vor allem für die Kerngemeinde da. Das machen wir auch in Niendorf auf, wie ich finde, ziemlich hohem Niveau: Gottesdienste, Konzerte, Weihnachtsfeiern – der Kalender ist gut gefüllt.

Außerhalb der Kirchenmauern werden zwar alte Traditionen aufgenommen, aber der amerikanische Einfluss ist auf dem Weihnachtsmarkt unübersehbar – und unüberhörbar: Rudolph, the red-nosed reindeer statt Vom Himmel hoch, Tipi-Lounge statt Stall von Bethlehem. Krippe Tibarg

Moment – die Heilige Familie ist doch auch auf unserem Weihnachtsmarkt zu sehen, sogar lebensgroß. Und es gibt noch einen anderen Ort, an dem sich „Welt“ und „Kirche“ begegnen: beim Waldsingen.

Vor über 30 Jahren hatte die Freiwillige Feuerwehr die Idee und realisiert sie Jahr für Jahr gemeinsam mit der Kirchengemeinde und der Arbeitsgemeinschaft Tibarg auf dem Kinderspielplatz hinter der Kirche: Gemeinsames Singen von alten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern. Damals führte Horst Moldenhauer noch teilweise plattdeutsch durch das Programm, Musikgruppen aus Niendorf und Umgebung spielten und sangen, und der Pastor hielt eine kleine Ansprache. So ist es bis heute geblieben. Robert Hertwig Waldsingen1steht mit seinem „Posaunix“ vor allem in deutscher Tradition von „Alle Jahre wieder“ bis „Leise rieselt der Schnee“, die Bigband der Garstedter Feuerwehr hat eher „Winter Wonderland“ und „Feliz Navidad“ im Programm. Andere Personen und Gruppen haben seitdem gewechselt.

Vor 20 Jahren „erbte“ ich die Ansprache von Pastor Trunz. Und ich überlegte, wie ich auch die religiös eher Unmusikalischen interessieren könnte. Weil das Waldsingen nun eine Mischung aus Folklore und christlichen Traditionen ist, schien mir das Plattdeutsche eine gute Wahl. In dieser Sprache hört es sich viel freundlicher an, was auf hochdeutsch einfach nur grob wirkt. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob das Wohlwollen der Zuhörenden eher darauf beruht, dass Plattdeutsch nicht mehr so gebräuchlich ist. „Es war so nett“, meinte einmal eine Besucherin. „Ich habe kein Wort verstanden, aber so nett.“ Trotzdem hoffe ich, dass das eine oder andere doch rüberkommt. waldsingen3-e1544619332776.jpg

So ist das geblieben – bis auf die letzten zwei Jahre, in denen ich aus gesundheitlichen Gründen passen musste. Aber in diesem Jahr soll es wieder so weit sein. Daniel Birkner übernimmt die Moderation, die plattdeutsche Ansprache steht schon auf dem Papier, und am Freitag, den 14.12. um 19 Uhr ist es so weit. Und ihr seid alle eingeladen.

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Bilder © Arbeitsgemeinschaft Tibarg, http://www.tibarg.de
Beitragsbild: Blick von den Mitwirkenden aus Richtung Kirche; rechts das Glühweinzelt der Feuerwehr, links die Anna-Warburg-Schule.
1. Bild: Die Krippe auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt, Tibarg.
2. Bild: Blick Richtung Kirche.
3. Bild: Blick auf die Mitwirkenden.

Das Tibargfest

Der Pastor huscht mit einem fünfstelligen Betrag – Geld, das nicht ihm gehört – in einer Einkaufstüte über den Tibarg, der Wehrführer zieht gemeinsam mit dem Schulleiter die Strippen und unterhält die besten Beziehungen zur örtlichen Polizei, der Sohn des Wehrführers vergibt die besten Stände nach eigenem Ermessen, die Feuerwehr selbst ist für den Aufbau zuständig und ungefähr alle namhaften Geschäftsleute der Umgebung stecken mit ihren Spenden drin – hört sich das nicht irgendwie nach Sizilien und ehrenwerter Gesellschaft an?

Nun, das waren wir. Und ehrenwert waren wir tatsächlich. Denn es waren die Neunzigerjahre, und wir organisierten das Tibargfest – das damals „Niendorfer Markt“ genannt wurde. Denn wir wussten uns in einer Tradition, die schon im 18. Jahrhundert mit dem Niendorfer Jahrmarkt angefangen hatte.

Damals bestand das Organisationskomitee aus engagierten Niendorfer Bürgerinnen und Bürgern. Moderiert wurde es von Kurt Behrens, dem ehemaligen Leiter der Schule Burgunderweg. Manchmal wurde plattdeutsch gesprochen, und es war wie auf dem Dorf. Zu unserem Kreis gehörten Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen und Verbänden wie der „Werbegemeinschaft Tibarg“, dem ASB, der Kirche, den Schulen und natürlich der Freiwilligen Feuerwehr, die die Hauptlast beim Aufbau trug.

Es war ein Fest „von Niendorfern für Niendorfer“. Alle waren ehrenamtlich dabei, und die Organisation kostete unendlich viel Arbeit: Die Musiker mussten engagiert werden, die Schausteller ihren Platz bekommen. Das Motto wurde bestimmt, der Kontakt zur Presse und der Polizei gepflegt. Die Plätze für die Flohmarktstände wurden vergeben, und alle Einnahmen und Ausgaben mussten auf den Pfennig abgerechnet werden.

Auch die Kirche hatte ihren Stand – einen kleinen achteckigen Pavillon, in dem wir Tibargfest Presse.jpgantiquarische Bücher verkauften und uns für Gespräche zur Verfügung stellten. Später stellte uns Propst Melzer seine „Original-“ Gutenberg-Druckerpresse zur Verfügung, ein echtes Highlight. Und ein paar Mal feierten wir auf dem Fest auch einen Open-Air-Gottesdienst.

Es gab allerdings auch einige in der Gemeinde, die sich mit dem Fest nicht so recht anfreunden konnten. Warum auf dem Tibarg Gottesdienst, wenn wir eine so schöne Kirche haben? Und überhaupt, passt eine Vergnügungsmeile zu uns? Ich fand es aber wichtig, dass sich die Gemeinde dort zeigt, wo die Menschen sind.

So anstrengend es war – regelmäßig erklärte ich nach dem Fest: Nie wieder! – es machte doch auch Spaß. Und es gab ja auch auch immer Ehrenamtliche und Kollegen, die sich mit an den Stand stellten. Frau Becker gehörte dazu und Frau Bukowski, und viele andere haben uns im Lauf der Jahre unterstützt.

Mit der Zeit veränderte sich nicht nur die Zusammensetzung im Vorbereitungskreis. Heute wird der „Niendorfer Markt“ ganz offiziell „Tibargfest“ genannt, von der Tibargfest06Quartiersmanagerin organisiert und einer Eventagentur ausgerichtet. Die Kirche baut ihr großes Zelt in der Mitte des Tibargs auf, und ein Team von Ehrenamtlichen kümmert sich um das Kirchencafé und andere Aktivitäten.

Es ist alles genauso schön wie damals, auch wenn es professioneller geworden ist. Und doch, wenn ich die Bilder von damals betrachte, werde ich ein wenig melancholisch. Damals war Niendorf noch ein klein wenig mehr Dorf als heute.

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Fotos (c) Erik Thiesen