Lichtblick der Woche

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in den Psalmen (90, 12). Ich habe es nie ganz verstanden. Heißt es, dass ich das Leben nicht so wichtig nehmen soll?

Jetzt las ich, dass Luther nicht genau übersetzt hat. Genau steht da:

„Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, auf dass wir klug werden.“

(Für die Theologinnen und Theologen: לִמְנֹ֣ות יָ֭מֵינוּ כֵּ֣ן הֹודַ֑ע וְ֝נָבִ֗א לְבַ֣ב חָכְמָֽה׃ ). Und das hat genau die gegensätzliche Bedeutung: Zähle jeden Tag, denn jeder Tag zählt.

Genau.

 

Lichtblick der Woche

Von Birgit kommt dieses Gedicht von Heinz Kattner:

Morgen
Das Neue an diesem Morgen heißt:
Nimm deinen Platz ein und lebe
mit dem Dunkel und dem Licht.

Mittag
Das Neue an diesem Tag heißt:
Weiche deinem Anblick im Spiegel nicht aus.
Nimm deinen Platz ein und lebe
mit dem Schönen und dem Schrecken.

Abend
Das Neue an diesem Tag heißt:
Ich nehme meinen Platz ein
und begrüße das Ungeordnete.
Ich gehöre dazu, voll Freude und Angst
und nichts will ich verleugnen.

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Morgen, Mittag und Abend sind jeweils Abschlussverse aus vorhergehenden Gedichten in dem Zyklus „Einfache Dinge, Menschen und große Namen“, aus: Heinz Kattner, Unauffälliges Zittern, zu Klampen Verlag 2001. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.