Kreuzige ihn!

 

Exerzitien 28. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Die Geschichte Jesu steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die vorherigen Folgen erreicht man rechts über die Themensuche „Exerzitien“. Und noch ein Hinweis: Nachträglich habe ich an den „Gethsemane“-Beitrag einen youtube-Link zur Gethsemane-Szene aus „Jesus Christ Superstar“ hinzugefügt.

Es wurde rot im Osten. Die Priester gönnten sich mit Jesus eine Pause. Zeit für ein kurzes Nickerchen.

Ich wurde wach vom Geklapper der Marktstände und ging kurz nach draußen, um mir etwas zum Frühstück zu kaufen. Als ich zurück kam, sah ich, dass das Verhör nun erst richtig begonnen hatte. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es schon längst zu Ende war: Die Anklage stand ebenso fest wie das Urteil. Vielleicht meinten Kaiphas und die Priester noch, das Heft in der Hand zu haben. Sie redeten auf Jesus ein, der ab und zu einmal ruhig einen Satz dazwischen warf – der die anderen wiederum zu provozieren schien. Jesus war zu jedem Zeitpunkt der Souverän seines Handelns. Ich wandte mich ab.

Hier draußen war es ohnehin viel spannender. Einer der Priester war herausgekommen und hielt eine Ansprache. Menschen wurden aufmerksam. Er redete über Jesus: Wie der einst ein Hoffnungsträger war gegen die Römer und dann alle Erwartungen enttäuscht hatte. Ja, er hätte sich als Gott aufgespielt. Und das wäre nicht nur ein absolutes Sakrileg gewesen. Er habe damit auch nicht nur sich, sondern alles und alle in Gefahr gebracht. Es wäre ihm nie um Israel gegangen, sondern immer nur um sich selbst. 

Links neben mir begann einer zu sagen: „Kreuzige ihn!“ Rechts drüben nahm ein anderer den Ruf auf: „Kreuzige ihn!“ Täuschte ich mich oder hatte ich die beiden am Vorabend mit dem Priester tuscheln sehen? Möglicherweise war es ein abgekartetes Spiel, aber es wirkte. Denn es fielen andere ein, immer mehr, bis die Menge skandierte: „Kreuzige ihn!“ Fast hätte ich selbst mitgemacht – und dann fiel mir ein, dass es ja um Jesus ging.

Plötzlich setzte sich die Menge in Bewegung. Ich sah Jesus, wie er von Soldaten Richtung Prätorianerpalast abgeführt wurde, zu Pilatus. Ich wusste schon, was dort verhandelt wurde: Die Priester brauchten ein Todesurteil, das nur die Römer aussprechen konnten. Pilatus konnte damit einen Störenfried loswerden, und die Priester die soziale und religiöse Ordnung wiederherstellen.

Auch das Volk bekam seine Rolle. Als Pilatus fragte: „Wen soll ich diesmal zum Fest freilassen, Barabbas oder Jesus?“, riefen sie: „Barabbas!“ – „Und Jesus?“ – „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Und Jesus wurde abgeführt.

Was hatten sie mit ihm vor? Ich erkannte einen der Soldaten, Camula, einen Kelten. Wir waren in Dalmatien in derselben Kohorte gewesen. „Camula!“, rief ich. Er erkannte mich auch. Und nach dem Austausch von ein paar Erinnerungen und Höflichkeiten ließ er mich durch. Und da hörte ich es auch schon: „…18 – 19 – 20…“ und das Klatschen einer Peitsche. Und dazu der Lärm feixender Soldaten. Sie machten sich einen Spaß daraus. Ich wollte schon dazwischen gehen, so wütend wurde ich. Doch Camula hielt mich zurück: „Willst du vielleicht auch die Peitsche spüren?“

Und dann sah ich, wie die Soldaten Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf drückten. Ihm lief das Blut in die Augen. Sie gaben ihm noch einen Ast als Zepter in die Hand und spotteten. Ziemlich bald aber verloren sie das Interesse, als sie merkten, dass Jesus kaum eine Reaktion zeigte.

Sie übergaben ihn dem Kreuzigungstrupp. Diesen Soldaten sah ich an, dass sie es nicht zum ersten Mal machten. Jesus gaben sie einen Holzstamm, den sie nicht selbst tragen wollten. Als der ihm aber auf dem Weg entglitt, zwangen sie einfach einen Passanten zum Tragen. 

Auf mich achteten sie nicht sehr. Deshalb konnte ich zu Jesus aufschließen, legte seinen Arm um meine Schulter und fragte ihn: „War es das, was du gewollt hast?“

Jesus schaute mich verständnislos an. „Sowas kann kein Mensch wirklich wollen“, sagte er. „Aber es musste so kommen.“

Jetzt war es an mir, verständnislos zu schauen. Und Jesus fuhr fort: „Die Römer bauen ihr Reich auf ihrer Armee auf, auf Zwang und Unterdrückung. Und den Priestern ist die Ordnung und das Gesetz wichtiger als der Mensch. Ich habe versucht, anders zu reden und zu leben. Ohne Kompromisse.“

Dann kamen wir an der Hinrichtungsstätte an, die ich ja schon kennengelernt hatte: Golgata, die Schädelstätte. Professionell legten die Soldaten Jesus auf den Balken, nagelten ihn fest und hoben ihn an einen Ölbaum. Jesus biss sich auf die Zähne vor Schmerz. Dann wurden noch zwei andere Männer gekreuzigt. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten.

Dafür wurden die nächsten Stunden umso länger. Ich konnte nichts mehr tun. Die Soldaten hielten uns von Jesus fern. Uns: das waren außer mir und Johannes, der als einziger von den Jüngern wiedergekommen war, eine Reihe von Frauen, die ich schon vor dem Palast des Kaiphas gesehen hatte.

Stöhnend unterhielt sich Jesus mit seiner Mutter. Einmal rief er: „Mein Gott, wo bist du?“ Und schließlich, nach endlosen drei Stunden, sagte er: „Es ist vollbracht.“ Sein Kopf kippte zur Seite, und wir wussten: Jesus war gestorben. Es war dann doch recht schnell gegangen. Andere hatten dem Vernehmen nach tagelang gelitten. Um das Ganze abzukürzen, brach man den anderen beiden die Beine, damit sie schnell erstickten.

Schließlich nahmen wir Jesus vom Kreuz, brachten ihn zum Grab des Joseph von Arimathia. Und ich richtete mich auf eine lange Nacht ein.

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„Die Evangelien sind Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“, hat der Theologe Martin Kähler einmal geschrieben. Und von den Märtyrern an bis hinein in viele unserer Kirchenlieder – Paul Gerhard an erster Stelle – sind wir gewohnt, vom Leiden Christi die schlimmsten Vorstellungen zu haben. Mel Gibson hat sie ins Bild gesetzt. Und dauert die Passionszeit nicht auch ganze sieben Wochen?

Mitnichten. Ich war erstaunt, als ich mir die letzten Tage Jesu vergegenwärtigte: Gelitten hat er, zumindest zeitlich gesehen, nur sehr wenig. Er wird gegeißelt, ja. Aber ob er wirklich 39 Schläge bekommen hat? Das war eine jüdische Regelung, die Römer haben ihn vielleicht weniger, vielleicht auch mehr gequält. Und eine Dornenkrone bekam er auch. Aber das Ganze kann nicht länger als eine Stunde gedauert haben. Und Lukas kennt weder Geißelung noch Dornenkrone…

Das Schlimmste waren zweifellos die drei Stunden am Kreuz. Das muss man nicht kleinreden. Allerdings: In Syrien, in Guantanamo, Abu Ghreib und unzähligen Gefängnissen dieser Welt wurde und wird (!) deutlich mehr und vor allem deutlich länger gelitten. Und wie steht es bei uns in den Krankenhäusern und Altenheimen? Auch mit den besten Medikamenten – die es glücklicherweise gibt – bleiben noch genug Schmerzen, die nicht so einfach weggehen.

Dazu meinte Pfr. Mückstein: Bei Jesu Passion geht es nicht in erster Linie um Leiden, sondern um Hingabe. Ich bin geneigt ihm zuzustimmen.

Worum es aber bei Passion, Tod und Auferstehung „wirklich geht“? Darüber waren schon die biblischen Autoren durchaus unterschiedlicher Meinung.

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Beitragsbild: Kreuzigung, von Mihály von Munkácsy – Munkácsy Foundation Info Pic, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17783166

Gethsemane

Exerzitien 27. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Seltsam – einen der wichtigsten Inhalte der christlichen Theologie, das Abendmahl selbst, habe ich während der Exerzitien nur gestreift. Immerhin ist es eines der nur zwei Sakramente der evangelischen Kirche und steht in der katholischen im Mittelpunkt der Messe. In der Meditation und im Gespräch mit Pfr. Mückstein habe ich aber die Frage der Gemeinschaft mit Jesus im Anschluss an die Fußwaschung bewegt: Die Entscheidung mit Jesus zu gehen, bedeutet nicht, sich unbedingt selbst kreuzigen zu lassen. Sondern erst einmal nur, dass ich verspreche bei ihm zu bleiben. Wie ein Ehepartner dem anderen ja auch nicht verspricht, dem anderen in den Tod zu folgen. Sondern bei ihm zu bleiben – und was das konkret heißt, muss sich im Lauf des Lebens erweisen.

Auch die interessante Frage, wie Judas einzuschätzen sei, haben wir nur gestreift. Ich hatte mich bei Pfr. Mückstein über das Urteil des Johannes, Judas sei vom Teufel besessen gewesen (Joh. 13,27), beschwert. Und er meinte nur, ich solle doch endlich einmal meine Theologie und die des Johannes beiseite schieben und mich mit den Geschehnissen dahinter beschäftigen. Nicht Johannes sei wichtig, sondern wie ich mich selbst in der Geschichte wiederfinde.

Reisen wir also wieder nach Palästina ins Jahr 785 ab urbe condita. Wer übrigens die vorherigen Teile lesen möchte, wählt einfach unter „Themensuche“ unter „spirituell unterwegs“ die „Exerzitien“.

Nach dem Seder-Mahl verließen wir Jerusalem wieder. Kaum einer von uns sagte ein Wort. Uns gingen die Vorkommnisse während des Essens nicht aus dem Kopf. Judas hatte sich mit Jesus angelegt. Oder war es umgekehrt? Judas sollte „verraten“, aber was oder wen? Jesus selbst? Oder nur den Ort, wo er sich aufhalten würde? Es wurde nicht ganz klar. Zumindest hatte er den Raum lange vor uns verlassen.

Und Petrus war mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Als Jesus gefragt hatte, ob wir mit ihm gehen wollten, hatte er als erster und voller Inbrunst gerufen: „Ich werde dich niemals verlassen!“ Und Jesus antwortete ihm: „Im Gegenteil. Noch in dieser Nacht wirst du mich gleich dreimal verleugnen.“ Mal ehrlich und nicht fürs Protokoll: Ich finde, Petrus ist ein Hohlkopf. Große Klappe und nichts dahinter. Aber Jesus scheint große Stücke auf ihn zu halten. Seltsam.

Wir gingen durchs Kidron-Tal und kamen in den Gethsemane-Garten. Ruhig war es. Wir waren alle ganz schön fertig. Nur Jesus zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. „Bleibt bitte hier“, sagte er nach einer Weile. „Und bleibt bitte wach. Ich möchte für einen Moment alleine sein.“ Und dann ging er einen Steinwurf weiter und betete.

Und ich, mit meiner Neugier, tat etwas, was ich eigentlich nicht hätte tun sollen: Ich ging ihm hinterher und lauschte. Und was ich dann hörte, berührte mich sehr. Jesus sagte: „Gott, du weißt, wie sehr ich mich jetzt ganz weit weg wünsche. Wenn es irgend geht, dann lass diese Geschichte hier und jetzt zu Ende sein. Oder zeig mir wenigstens im Ansatz, wie es weitergeht und ob das Ganze überhaupt zu etwas gut ist.“ Er schwieg eine Weile. Und seufzte dann: „Ich sehe schon, es ist zwecklos. So sei es denn.“

Er kam zurück. Die anderen Jünger waren inzwischen ausnahmslos alle eingeschlafen. Jesus machte ihnen Vorwürfe: „Ihr solltet doch wach sein, damit auch ihr vorbereitet seid auf das, was kommt.“ Und damit entfernte er sich nochmal. Kurz darauf hörte ich wieder allgemeines regelmäßiges Atmen und Schnarchen.

Plötzlich Lärm. Soldaten und weitere Männer. Jetzt war es also soweit. Jesus schaute den Ankommenden ruhig entgegen. Einer von ihnen löste sich, ging auf Jesus zu und gab ihm einen Kuss. Judas. Jesus umarmte ihn. Herzlich, wie es schien.

Die Jünger aber waren völlig verstört. Petrus hatte plötzlich ein Schwert in der Hand und stürmte auf die Soldaten los. Es gelang ihm, einen von ihnen am Kopf zu verletzen. Jesus wollte die Sache beruhigen, aber nun hatten die Soldaten ihrerseits die Schwerter gezückt. Ich zog es vor, mit den anderen das Feld zu räumen. Als ich merkte, dass die Soldaten an uns nicht mehr interessiert waren, blieb ich unter den ersten Bäumen; die anderen waren nicht mehr zu sehen. Da bemerkte ich einen weiteren Jünger neben mir: Petrus.

Wir nickten uns zu und folgten mit Abstand dem Verhaftungskommando. Unbemerkt gelangten wir durchs Tor. Nein, nicht ganz. Eine Frau schaute Petrus an und fragte: „Gehörst du auch zu dem Verhafteten da drüben?“ Erschrocken antwortete Petrus: „Nein, tu ich nicht.“

„Doch!“, rief ein anderer. „Ich habe dich mit ihm gesehen.“ Da saß Petrus in der Falle. „Auf keinen Fall“, beteuerte er. Wir stellten uns ans Feuer. Da schaute ihn ein älterer Mann von unten an. „Ich erkenne dich“, sagte er. „Du gehörst zu dem da.“ Und er wies mit seiner Hand in den Saal, in dem Jesus vor Kaiphas, dem Hohepriester stand. „Du musst mich verwechseln“, sagte Petrus, mit deutlich leiserer Stimme. Und in diesem Moment hörten wir beide den Hahn krähen. Ich spürte, wie es Petrus schüttelte und nahm ihn in den Arm. Er ließ es geschehen.

Langsam gingen wir zum Gerichtssaal. Da schaute Jesus plötzlich zu uns. Petrus sackte zusammen.

Dann aber schaute er auf, Jesus direkt in die Augen. Jesus nickte. Und Petrus ging zum Tor hinaus. Sein Rücken war gerade.

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Ob der Verrat des Judas wirklich ein Verrat war, wird heute heftig diskutiert. Das Wort, das Luther so – im Anschluss an die lateinische Vulgata – übersetzt, heißt „übergeben, überantworten“. Es gibt die These, dass Judas gar keinen Verrat begangen hat, sondern lediglich den Priestern im Auftrag Jesu dessen Aufenthaltsort verriet.
Und für das Gebet Jesu im Garten Gethsemane habe ich mich von der entsprechenden Szene in „Jesus Christ Superstar“ inspirieren lassen, die ich für eine der besten Interpretationen halte. Aber auch die Umsetzung im Jesus-Film aus der Reihe „Die Bibel“, in der der Teufel leibhaftig auftritt, finde ich gelungen.

Beitragsbild: By Ian Scott – Olive trees in the traditional gardenar k of Gethsemane, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44995444

Fußwaschung

Exerzitien 26. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Die Passionsgeschichte Jesu, wie ich sie mir während der Exerzitien vorgestellt habe, setzt sich fort. Jesus ist gerade in Jerusalem eingezogen.

Einige der Umstehenden standen noch ein wenig herum und redeten über das Ereignis. Dann verliefen sie sich auch, wie die anderen. Die Tore wurden wieder geöffnet, und wir gingen in die Stadt. Nach einiger Zeit fanden wir Jesus wieder, natürlich im Tempel. Er hatte sich gerade abwechselnd mit den Priestern und den Pharisäern in den Haaren. Später mischte er noch die Händler im äußeren Tempelbezirk auf und hatte es sich so wirklich mit allen verdorben: der Politik, der Religion und der Wirtschaft. Irgendwie konsequent.

Und ein Wunder, dass wir da trotzdem alle heil herauskamen. Abends fanden wir uns tatsächlich vollzählig wieder in Betfage ein.

Dann kam das Passafest, und Andreas fragte den Meister: „Wo sollen wir deiner Meinung nach das Seder-Mahl feiern?“ Und wieder schien es, als ob Jesus alles vorbereitet hatte.

„Gehe mit Jakobus in die Stadt“, sagte er. „Etwa um die Mittagszeit kommt jemand zum Brunnen beim Gartentor und schöpft dort Wasser. Dem folgt. Wo er hingeht, ist für uns schon ein Raum vorbereitet. Kissen liegen bereit. Kauft dann ein, was wir sonst dafür brauchen.“

Die beiden holten sich Geld von Judas, der die Kasse führte, zogen los und fanden den Raum, wie Jesus es gesagt hatte. Auf dem Markt kauften sie Brot, Wein, Kräuter, völlig überteuertes Lammfleisch und noch ein paar Kleinigkeiten und kamen dann ohne ein Silberstück wieder zurück.

Abends gingen wir rüber in die Stadt. Der Raum, in dem wir uns dann zusammenfanden, lag direkt neben dem Grab des legendären Königs David. Wir wollten uns gerade setzen, doch Jesus bat uns, noch zu warten. Dann kleidete er sich wie ein Diener und fing tatsächlich an, seinen Jüngern die Füße zu waschen. Ich erinnerte mich an einen Satz, den er einmal gesagt hatte: „Wer unter euch der erste sein will, sei aller Diener.“ Aber das war noch nicht alles. Jeden, dem er die Füße gewaschen hatte, fragte er: „Bist du bereit, meinen Weg mitzugehen?“ Alle sagten, nach kürzerem oder längerem Zögern, schließlich Ja. Und Petrus war natürlich mal wieder der Eifrigste.

Als alle fertig waren, schaute er mich an. „Auf keinen Fall“, rief ich erschrocken. Jesus rückte mit der Waschschüssel rüber. Doch ich sagte: „Als ich den Auftrag bekam, nach Palästina zu reisen, wusste ich, dass zumindest die Überfahrt gefährlich werden könnte. Aber von Kreuzigung stand nichts im Vertrag! Und ich würde mir gerne noch einmal in den Thermen den Rücken massieren lassen.“

„Ich sage nicht, dass du dich mit mir kreuzigen lassen sollst“, meinte Jesus. „Aber wenn du Angst hast, dann geh.“

„Wie dann geh?“ Aber Jesus schaute mich nur an. Und plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher mit den Thermen in Rom. Ich bekam den Eindruck, dass sich hier, am Rande des Imperiums, in diesem Kaff Jerusalem, das eigentlich Bedeutende abspielte. Und dass ich dabei sein sollte. Eigentlich hatte ich neulich in Caesarea Philippi schon meine Entscheidung getroffen. Ich konnte jetzt kneifen, aber dabei hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl. Ich nickte Jesus zu und streckte ihm meine Füße hin. 

Wenn man die Bibel und besonders das Markusevangelium liest, bekommt man den Eindruck, Jesus sei eine Art Magier, der auf übernatürliche Art weiß, wo sich wann der Wasserträger aufhält und das Zimmer befindet. Nüchtern betrachtet kann ich mir vorstellen, dass er das von langer Hand vorbereitet hat. Andererseits habe ich in den letzten Jahren auch erlebt, wie sich auf fast magische Art und Weise Dinge und Personen zusammenfügen. Pfr. Mückstein meinte, das könne etwas mit „Vorsehung“ zu tun haben. Ich finde es nicht ganz unwahrscheinlich.

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Beitragsbild: Fußwaschung, von Anonymous (italienischer Maler) – Sizilien, Anfang 18. Jh. Nagel Auktionen http://www.auction.de, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13319548

 

 

Der Einzug

Exerzitien 25. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Und weiter geht es mit unserer kleinen Fortsetzungsgeschichte über die letzten Tage Jesu (über ihren Hintergrund steht hier mehr). Die Planungen für den Einzug in Jerusalem sind abgeschlossen, die Vorbereitungen beginnen.

Nach den Beratungen hielt ich mich von der Gruppe fern; bei den Vorbereitungen hätte ich nur gestört. Und so machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Wie ich schon vermutet hatte: Mit Rom kein Vergleich. Aber es lag eine seltsame Atmosphäre über der Stadt, eine explosive Mischung von Aufruhr, religiöser Anspannung und Festtagsstimmung.

Auf dem Rückweg kam ich an einem Hügel mit Olivenbäumen vorbei. Doch Oliven wurden hier keine mehr geerntet. Dafür waren Querbalken an die Stämme genagelt worden. Und an ihnen hingen Menschen, sterbend oder bereits tot. „Die Gruppe von Jehuda dem Messerwerfer,“ meinte ein Passant. „Die Römer kreuzigen alles, was nur entfernt nach Hochverrat aussieht. Und Jehuda hat immerhin einige Hoffnungen auf Befreiung in der Bevölkerung geweckt.“

Zurück in Betfage sah ich Jesus auf einer Bank sitzen. „Darf ich?“, fragte ich. Jesus rückte ein wenig zur Seite.

„Jesus“, sagte ich, „warum machst du das eigentlich? Ich meine, wenn dich die Leute dazu drängen würden, dann würde ich das ja noch verstehen. Aber diese ganze Inszenierung – es ist ja fast so, als ob du sterben wolltest.“

„Nun“, antwortete Jesus, „immerhin setzen meine Jünger große Hoffnungen in mich. Petrus sieht in mir den Gesalbten, den Messias, den Gottessohn. Judas hofft, dass ich die Römer vertreibe und ein gerechtes Reich aufrichte. Philippus sieht schon das Reich Gottes entstehen, und für Johannes bin ich der vollkommene spirituelle Lehrer. Alle setzen große Hoffnungen in mich.“

„Und du?“, fragte ich. „Was willst du selbst? Du hast etwas von Leid und Tod erzählt – ich sah heute eine Reihe von Gekreuzigten. Es war ziemlich grauenvoll. Und das mit der Auferstehung verstehe ich, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Warum also das alles?“

„Es ist mein Weg.“

„Es gibt zweifellos angenehmere Wege und Ziele.“

„Du denkst an Rom, die Thermen und alles?“ Jesu Frage war eher rhetorisch gemeint. „Ja, vielleicht ist das ja dein Weg. Ein angenehmes Leben und dann heiter sterben.“ Ich hatte in Rom mit einigen Stoikern zu tun gehabt, auch Seneca getroffen, und in der Tat: Das schien mir ein durchaus überzeugendes Lebenskonzept zu sein.

„Aber das will nicht zu meinem Leben passen“, fuhr Jesus fort. „Ich bin Jude, unser Gott ist alles: liebender Vater und unberechenbarer Despot, hochemotional und von unergründlicher Tiefe. Er trennt zwischen seinem Volk und allen anderen und ist doch der Gott aller Menschen und für alle da. Und so sind wir Juden auch: Wir glauben schnell und sind gleichzeitig auf der Suche nach der ewigen Wahrheit. Wir lachen und tanzen und leiden unter der Ungerechtigkeit und der Herrschaft der Römer. Wir könnten Römer werden, wie unsere Vorfahren Babylonier hätten werden können, aber dann hätten wir uns verloren. Wir hätten Gott verloren. Es gibt für uns offenbar nicht den leichten Weg.“ Und nach einer Pause: „Nein, ich weiß selbst nicht richtig, wozu das alles gut sein soll. Aber ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist.“

Dann schwieg er. Ich auch. Nach einer Weile stand ich auf und ging ins Bett.

Am nächsten Tag ging ich hinunter ins Kidron-Tal. Etwa 30 m hinter dem Garten Gethsemane hatten sich die Jüngerinnen und Jünger mit gut 40 weiteren Menschen versammelt. Und als Jesus unter den Bäumen zu sehen war, begannen sie zu rufen: „Da ist er, Jesus, der Prophet aus Nazareth, Gesalbter, Retter, Sohn Gottes. Hosanna.“ Erst durcheinander, dann im Chor. Das Fohlen hatte vor Schreck kurz gebockt, aber dann hatte Jesus es im Griff. Das Geschrei sorgte für Aufsehen. Immer mehr Menschen strömten zusammen. Einige hatten schon von Jesus gehört und informierten die anderen.

Ich schaute die Leute an. Die meisten waren aus Neugier dabei. Andere hatten einen hoffnungsvollen Blick. Wieder andere ließen sich mitreißen. Und einen hörte ich hinter mir sagen: „Vielleicht schafft er ja das, woran Jehuda der Messerwerfer gescheitert ist.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis Jesus das Kidron-Tal durchritten hatte und zum Goldenen Tor kam. Bis dahin waren vielleicht zwei- bis dreihundert Menschen zusammengekommen.

Plötzlich kehrte Ruhe ein. Aus dem Tor waren Soldaten gekommen, eine kleine Einheit von Pilatus‘ berittener Garde. Aber sie beobachteten nur. Als Jesus das Tor durchritten hatte, schlossen sie es sofort. Sie befürchteten wohl, dass es in den engen Gassen Tote und Verletzte geben könnte.

Jesus aber hatte erreicht, was er wollte.

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Beitragsbild: Henri van Waterschoot († 1748(?) in München), Einzug in Jerusalem – http://www.lempertz-online.de/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15774002
Über die Arten von Kreuzigung gibt, natürlich, Wikipedia umfassend Auskunft.

Die Inszenierung

Exerzitien 24. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Und weiter geht der Bericht von den letzten Tagen Jesu. Ich folge den Vorgaben Pfr. Mücksteins und wende mich nun dem Einzug in Jerusalem zu.

Wir waren nach den Ereignissen in Caesarea Philippi Richtung Süden aufgebrochen. Einige Tage hielten wir uns noch in Kapernaum auf, wo Jesus in den letzten drei Jahren seinen Lebensmittelpunkt gehabt hatte. Er und einige Jünger hatten noch ein paar Sachen zu regeln, ehe es weiterging nach Samaria und Jericho. Jesus gab ein beeindruckendes Zeugnis seiner Heilkraft, und dann hatten wir noch viel Spaß beim Zöllner Zachäus, der uns zu sich einlud. Es sollten unsere letzten unbeschwerten Tage für lange Zeit werden.

Schließlich gelangten wir nach Betfage am Ölberg, der Heiligen Stadt direkt gegenüber. Ich gestehe, dass ich ein wenig von der Stadt enttäuscht war. Nicht dass ich ein zweites Rom erwartet hätte. Aber was ich auf die Entfernung und in der Nachmittagssonne ausmachen konnte, war eine ziemlich kleine, sehr laute und recht unsaubere Stadt. Kein Wunder, dass Pilatus sich viel lieber in Caesarea aufhielt. Der Tempel, den Herodes hatte bauen lassen, war allerdings wirklich beeindruckend.

Wir hatten bei Sympathisanten Unterkunft gefunden. Nach dem Abendessen versammelte Jesus uns um sich und meinte: „Morgen beginnt die Zeit der Entscheidung.“

Nathanael sagte: „Es sind sehr viele Pilger in der Stadt. Das Passafest beginnt. Wenn wir uns einfach unter die Leute mischen, erkennt uns keiner. Dann kann uns auch nichts passieren.“

„Ja“, antwortete Jesus, „dann wird auch nichts passieren. Aber dann hätten wir auch nicht hierher kommen müssen. Aber ich denke, dass Gott es nicht so einfach mit uns haben will. Es muss etwas passieren. Ich weiß noch nicht genau was, und es wird weder leicht noch schön. Aber es ist wichtig. Und deshalb müssen wir unbedingt Aufmerksamkeit erregen. Irgendwelche Vorschläge?“

Nach einer Pause sagte Jakobus ben Alphäus: „Also gehen geht schon mal gar nicht. Du musst reiten.“

„Aber ein Pferd ist auch nicht gut“, gab Thomas zu bedenken. „Zu protzig. Und ein Esel zu gewöhnlich.“ 

„Esel ist trotzdem nicht schlecht“, antwortete Jesus. „Er erinnert an die Verheißung von Sacharja [9,9]. Aber vielleicht nicht direkt Eselin, wie der Prophet schreibt, sondern ein Fohlen. Ich habe da heute Nachmittag eins gesehen, bei Naphtali dem Ölbauern. Noch nicht zugeritten. Das sieht ungewöhnlich aus. Besonders wenn es dann noch tänzelt und bockt.“

„Gut“, sagte Petrus. „Ich kümmere mich drum. Aber es reicht noch nicht. Wir müssen auch ordentlich Lärm machen.“

„Nur wir zwölf?“ Thomas war skeptisch wie immer.

„Na, dann holen wir doch alle unsere Freunde und Bekannten zusammen“, warf Simon der Zelot ein. „Ich kenne hier bestimmt ein Dutzend Leute, die sich ansprechen ließen. Einige kommen bestimmt.“ Und auch die anderen Jünger kannten Leute in der Stadt.

„Gut“, sagte Jesus, „machen wir Schluss für heute. Morgen wird ein anstrengender Tag.“

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Als ich in den Evangelien die Berichte über den Einzug las, verdichteten sich zwei Eindrücke: Erstens wirkte die ganze Szene inszeniert. Und zweitens fand ich es sehr plausibel, dass die jubelnde „Menge“ vor allem aus Jesu Jüngern bestand, wie Lukas schreibt (19,37). Beides hatte ich vorher anders gesehen.
Beitragsbild: Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit Jesu, im Vordergrund der Tempel, von Berthold Werner – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5333254

 

 

Entscheidungen

Exerzitien 23. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Heute folgt der dritte Teil des Gesprächs mit Jesus unter den Ölbäumen über den Menschensohn. Johannes war gerade wieder zurück zu den Jüngern gegangen.

Wir saßen nebeneinander und schwiegen. Auf der Römerstraße sahen wir ein paar Soldaten und Händler. Dann fragte ich: „Und wie ist es so – zu wissen, was auf einen zukommt?“
„Ich wünschte, ich wüsste es nicht“, sagte Jesus. „In Kana saß ich unbeschwert beim Wein [Joh. 2,1-12], und bei Levi waren wir zusammen fröhlich [Mt. 2,3-17]. Ob das noch einmal so möglich sein wird? Auf der einen Seite möchte ich alles weit hinausschieben. Hier in Syrien bleiben, wo mich keiner kennt. Und dann wieder, dass alles so schnell wie möglich vorbei ist. Und über allem liegt ein Schatten.“ [Lk. 12,49-50]
Rom kam mir in den Sinn. Statt hier in der Provinz zu sitzen, könnte ich mich in den Thermen von einem Sklaven massieren lassen, mit Rufus plaudern und später zu Claudia gehen.
Stattdessen fragte ich Jesus: „Wann gehst du nach Jerusalem?“
„Schon bald“, sagte er. „Hier ist meine Mission beendet. Die Dinge müssen ihren Lauf nehmen.“
Ich war mir nicht sicher, ob ich das, was ich dann fragte, wirklich fragen wollte. Rom lockte, der Komfort und die Sicherheit. Das Leben. Jerusalem bedeutete Unsicherheit, Gefahr, vielleicht sogar Tod. Ich kannte mich dort gar nicht aus. Sadduzäer, Pharisäer, Essener, Zeloten… Drei Juden, vier Meinungen, fünf Parteien, hieß es in Rom über dieses merkwürdige Volk. Das doch nur einen Gott kannte und anbetete. Der aber nicht ganz so berechenbar war wie unsere Götter.
Das hatte ich während der Zeit mit Jesus gemerkt: Einerseits predigte er den guten Vater im Himmel, aber genau der bewahrte ihn offensichtlich nicht vor dem Leid, sondern schickte ihn vielleicht sogar in den Tod – mit einem vagen Versprechen von einer Art von Auferstehung, von der man noch nicht so richtig wusste, wie gut sie wirklich war.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Wenn ich nach Rom zurückkehrte, würde ich Wesentliches verpassen. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ Wer hatte das noch einmal gesagt? Egal.
Ich fragte also: „Kann ich mit nach Jerusalem?“
Jesus schaute mich an. „Lieber nicht“, sagte er dann. „Um deinetwillen und um meinetwillen. Du begibst dich in Gefahr und ich kann keine Gaffer gebrauchen.“
Ich nickte. „Das kann ich verstehen. Aber ich frage nicht so einfach aus Spaß. In Rom habe ich es zweifellos angenehmer als in Jerusalem. Und ich komme auch nicht deinetwegen mit.“
„Und warum dann?“
„Ich weiß auch nicht so genau. Ich habe noch nie so eine Stimme gehört wie du, wenn du vom Menschensohn geredet hast. Und doch habe ich das Gefühl, dass nicht Rom, sondern Jerusalem der richtige Ort für mich ist.“
„Aber ich werde nicht auf dich aufpassen“, sagte Jesus. „Die ganze Sache wird ohnehin schwer genug.“
„Das geht schon in Ordnung“, antwortete ich. „Ich passe schon alleine auf mich auf und komme dir nicht in die Quere. Und was geschehen soll, geschieht.“
„So sei es denn“, sagte Jesus und stand auf. „Aber halte dich im Hintergrund. Wenn es eng wird, sind mir meine Jünger wichtiger.“
„In Ordnung.“ Und damit gingen auch wir zu den anderen zurück.

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Unser ich-erzählender Römer konnte gar nicht wissen, von wem das Zitat war. Es wurde erst von Friedrich Schiller erfunden (Wallensteins Lager 11).

Der Menschensohn

Exerzitien 22. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Im letzten Blogbeitrag machten wir uns auf eine Reise, ins Judäa im Jahre 785 ab urbe condita. Dort finden wir uns jetzt wieder ein – im Kreis der Jünger Jesu. Jesus selbst hatte uns mit einigen Aussagen irritiert, in denen er vom Menschensohn sprach, und war dann weggegangen. Ich hatte Johannes gefragt, ob wir beide ihm nicht folgen und mit ihm reden könnten.

Menschensohn

Die Vision vom Menschensohn nach der Offenbarung

Johannes schaute mich an, ich nickte, und wir standen auf und gingen in die Richtung, in der Jesus verschwunden war. Wir fanden ihn gar nicht weit entfernt auf einem Stein sitzen. Er schaute uns an, als wir näher kamen. Wir setzten uns zu ihm.
„Was war denn das eben?“, fragte ich.
„Sagt ihr es mir“, antwortete Jesus. „Ich kann es auch nicht wirklich erklären.“
„So kenne ich dich eigentlich nicht“, sagte ich. „Ich bin jetzt etwa einen Monat bei euch, und du bist freundlich, positiv, manchmal crazy und besonders, voller überraschender Ideen und oft humorvoll. Zwei, drei Mal war das allerdings anders. Und ich erinnere mich, dass dabei auch der Menschensohn eine Rolle gespielt hat. Einmal hast du die Geistlichen hier sehr provoziert, als du meintest, du könntest Sünden vergeben.“ [Mt. 9,6]
„Als ob du mit Gott in allerdirektestem Kontakt stehst“, ergänzte Johannes. „Wahrscheinlich hat Simon auch an diese Situationen gedacht, als er meinte, du seist Gottes Sohn.“
„Es ist wirklich so“, sagte Jesus. „Es ist, als ob sich eine Tür zu einer anderen Wirklichkeit auftut. Ich habe es auch früher schon erlebt, in Nazareth. Als mir klar wurde, dass ich zum Täufer Johannes an den Jordan gehen musste. Und dann während der vierzig Tage in der Wüste. Aber das kann auch ganz natürliche Ursachen haben. Der Beruf Zimmermann sagte mir nie so zu, da kam die Berufung zum Jordan gerade recht. Und wenn man in der Wüste fastet und betet, dann erscheinen wie von selbst besondere Bilder.“
„Und es sieht so aus“, erwiderte Johannes, „als ob sie eine höhere Wahrheit beinhalten.“
„Ich glaube aber nicht, dass sie von Gott kommen“, sagte ich.
„Und wie erklärst du sie dann?“, fragte Johannes.
„Nun“, sagte ich, „ich denke mir das so: Jesus ist einerseits aufmüpfig gegen die Römer, andererseits konsequent gewaltlos, provoziert die hiesige Geistlichkeit, und die Leute sehen in ihm den Messias, da braucht man nicht mehr viel Phantasie: Die Katastrophe ist vorprogrammiert.“
„Ja“, unterbrach uns Jesus heftig. „Und Simon will sich gegen diesen Weg wehren. Wahrscheinlich will er kämpfen. Und dann verlieren wir alles. Kämpfen ist der menschliche, der normale Weg. Ich aber gehe den Weg der Liebe, und das heißt: der Hingabe.“
„Im Ernst?“, fragte ich. „Ich erinnere mich da aber an ein paar Sprüche, die gar nicht nach Liebe klangen. Du hast einmal gesagt: ‚Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen. Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen.‘ [Mt. 10,34] Ist das der Weg der Liebe?“
Jesus schwieg lange. Dann sagte er: „Nein, das ist nicht der Weg der Liebe. Aber wahrscheinlich wird es so sein, dass diejenigen, die den Weg der Liebe gehen, Hass auf sich ziehen. Denn diejenigen, die den Frieden wollen, sind eine große Gefahr für die, die vom Unfrieden profitieren.“
„Aber dann kommt die Auferstehung“, warf Johannes ein.
„Genau“, sagte ich. „Das habe ich erst recht nicht verstanden. Wieso zum Beispiel nach drei Tagen?“
Jesus antwortete: „Beim Propheten Hosea heißt es: ‚Nach zwei Tagen macht Gott lebendig und nach drei Tagen richtet er auf.‘ [Hos. 6,2] Und vielleicht passt doch noch besser das Zeichen des Jona, der drei Tage und drei Nächte im Walfisch blieb.“ [Mt. 12,40]
„Das sind dann aber eher vier Tage, nach unserer Zählung“, gab Johannes zu bedenken. „So ganz will das nicht zusammenpassen.“
„Und heißt auferstehen dann, dass du wieder lebendig wirst und ewig lebst?“, fragte ich Jesus.
„Das wäre ja furchtbar“, entfuhr es ihm.
Johannes überlegte: „Irgendetwas aber geht dann weiter, nach einer kurzen Zeit.“
Wir vermuteten noch dies und das, kamen aber zu keinem gemeinsamen abschließenden Ergebnis.
Nach einer Weile stand Johannes auf und ging zurück zu den anderen. 

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Beitragsbild: Jesus und seine Jünger, von Rembrandt – teylers.adlibhosting.com : Home : Info : Pic, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37648997
Bild im Text: Der Menschensohn, von  Gebhard Fugel (1863-1939) – http://www.johannesoffenbarung.ch/bilderzyklen/fugel.php, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65392969

 

Unter Ölbäumen

Exerzitien 21. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Nach zwei Jahren nehme ich die Exerzitien wieder auf. Und obwohl wir die „2. Woche der Exerzitien“ – der „Ruf des Königs“ – nicht ganz hatten abschließen können, beginnen wir mit der „3. Woche“, der Passion Jesu. Um in die Geschichte einsteigen zu können, schlägt Pfr. Mückstein vor, mit den drei „Leidensankündigungen“ zu beginnen. Sie stehen bei Matthäus 16,21-23; 17,22-23 und 20,17-19, bei Markus 8,31-33; 9,30-32 und 10,32-34 sowie Lukas 9,22+44-45 und 18,31-33.

Eine der Kernaufgaben während der Exerzitien ist es, sich die damalige Situation so genau wie möglich vorzustellen – wie es z.B. im Garten Gethsemane riecht, welche Geräusche im Hintergrund zu hören sind, was die Menschen sagen, ihre Mimik und Haltung… – und dann den eigenen Ort in der Geschichte zu finden. Deshalb gleichen die folgenden Geschichten auch eher einem Roman oder Reisebericht als einem relativ kurzen, inhaltlich möglichst auf den Punkt gebrachten Beitrag. Und wie in früheren Beiträgen auch habe ich die Ausführungen aus meinem Exerzitien-Tagebuch kursiv gesetzt.

Also machen wir uns auf die Zeitreise ins Römische Reich. Zeit: 785 ab urbe condita (nach damaliger römischer Zeitrechnung; für spätere Generationen das Jahr 32). Ort: Irgendwo am östlichen Rande des Imperiums.

Unter Ölbäumen

„Du Satan“, fuhr der Meister seinen Jünger an. Der wiederum war völlig konsterniert. Simon gehörte zu den eifrigsten der kleinen Gruppe, die an einem freien Platz unter den Olivenbäumen zusammensaß. Gerade hatte er seinem Meister versichert, er sei „Gottes Sohn“, und der hatte ihn daraufhin „Petros“ genannt, einen Felsen – was immer die beiden auch damit gemeint haben mochten, es war bestimmt anerkennend. Und nun dieser Vorwurf! Und nur, weil Simon augenscheinlich verhindern wollte, dass sein Meister stirbt.

Wie war ich bloß in diese Situation hineingekommen?

Zwei Monate vorher hatte ich mich in Rom eingeschifft und war vierzehn Tage später in Caesarea gelandet. Auf der Überfahrt hatte ich mich mit einem Juden angefreundet, der mir von einer interessanten Gruppe erzählte. Sie verehrte einen Jesus als ihren Lehrer. Einige von ihnen glaubten und hofften, er werde alle Römer verjagen – aber nicht mit Waffengewalt, wie es die Zeloten praktizierten. Er setzte auf ein Programm der Gewaltlosigkeit. 

Es dauerte dann noch einen Monat, bis ich diese wandernde Gruppe fand. Und jetzt zog ich schon einen Monat mit ihnen herum. Wir waren dabei ziemlich weit in den Norden gekommen, bis zu den Quellen des Jordans, in die Nähe einer Stadt, die ebenfalls Caesarea hieß. Und da sie im Gebiet des Philippus lag, trug sie auch seinen Namen.

Wir hatten es uns in einem Olivenhain bequem gemacht, als Jesus fragte: „Was sagen die Leute über mich?“ Seine Jünger meinten, er sei Elia, Jeremia oder Johannes der Täufer, alles bekannte historische und zeitgenössische jüdische Persönlichkeiten. Simon aber setzte noch einen drauf und meinte: „Du bist der Gesalbte, der Sohn Gottes.“ Das schien Jesus zu freuen, denn er machte seinem Jünger einige Komplimente.

Nach dem Abendessen dann meinte Jesus: „Ich muss euch noch etwas sagen.“ Er wartete, bis alle still waren, und dann meinte er: „Wir werden nach Jerusalem gehen. Dort werden die Verantwortlichen den Menschensohn gefangen nehmen. Er wird viel leiden müssen, sterben und nach drei Tagen wieder auferstehen.“ Woraufhin es Simon entfuhr: „Das werde ich zu verhindern wissen!“ Und Jesus ihn mit dem Wort „Satan“ beschimpfte, in der Vorstellung mancher Juden so etwas wie der Gegenspieler Gottes.

Danach stand Jesus abrupt auf und verschwand unter den Olivenbäumen. Wir schauten uns an. Andreas ging zu seinem Bruder Simon und redete leise mit ihm.
„Was war denn das?“, fragte ich. Aber keiner gab mir eine Antwort.
„Und was meint er mit dem Menschensohn?“
„Wir vermuten“, antwortete Johannes, „das hat etwas mit dem Propheten Daniel zu tun. Dort steht: ‚Es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn‘ (7,13). Manchmal fühlt sich Jesus offenbar auch wie ein Gesandter des Himmels. Und dann redet er gerne von sich als Menschensohn.“
Und dann hörte ich Philippus, wie er fast träumerisch sagte: „Jetzt hat er wieder eine Vision gehabt von dem, was auf ihn zukommt. Er hat die Stimme Gottes gehört.“
Woraufhin Jakobus meinte: „Besonders souverän geht er aber nicht damit um. So außer sich habe ich ihn selten erlebt. Es war ja geradeso, als ob er Angst gehabt hat vor Simon.“
Und Nathanael ergänzte: „Die Weissagung hat er auch so seltsam unbetont gesprochen, so teilnahmslos. Als ob er nicht er selbst wäre.“
„Ich sag es ja“, warf Philippus dazwischen, „die Stimme Gottes.“ Er war sichtlich begeistert, aber so ziemlich als einziger. Die anderen wirkten eher verunsichert und ängstlich.
„Einer muss mit ihm reden“, meinte Judas schließlich. Aber keiner bewegte sich.
„Gut, ich mache es“, sagte ich schließlich. „Aber nicht alleine. Johannes, kommst du mit?“
Johannes nickte. 

Das Gespräch habe ich erst am nächsten Tag aufgezeichnet. Deshalb erscheint es auch im nächsten Blog.

Exerzitien komplett

Exerzitien 20. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Nun habe ich die Exerzitien in Bingen nach zwei Jahren endlich vollendet. Es war eine gute Zeit, und sie hat mir wieder neue Horizonte geöffnet. Einige dieser Erfahrungen möchte ich gerne wieder mit euch auf diesem Blog teilen.

Ich werde von eigenen Erfahrungen und Gedanken erzählen. Wenn ihr euch kompetent über Exerzitien allgemein informieren möchtet, empfehle ich euch die Bücher von Willi Lambert (Das siebenfache Ja) oder Franz Jalics (Kontemplative Exerzitien).

Während der diesjährigen Exerzitien standen die Passion und die Auferstehung Jesu im Mittelpunkt. Über diese Themen sind schon ganze Bibliotheken geschrieben worden, und schon Paulus und die Evangelisten haben sich Gedanken über ihre Bedeutung gemacht. Da ich meinen Zugang zu Spiritualität und Glaube, Bibel und Gott vor allem über den Kopf finde, habe ich mich schnell gedanklich in diese theologischen Diskussionen eingeklinkt. Doch Pfr. Mückstein meinte: Bei den Exerzitien geht es nicht darum, über Jesus zu reden, sondern mit ihm. Das hat offenbar auch Martin Buber gemeint, als er schrieb: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“

In Bingen fand ich zwei Möglichkeiten, mit Jesus ins Gespräch zu kommen. Der eine Weg bestand darin, dass ich mich vor eines der beiden Kruzifixe gesetzt und versucht habe, meine Fragen zu formulieren. Auf dem zweiten Weg versetzte ich mich in die Zeit Jesu hinein, malte mir die Situation aus und erzählte eine Geschichte, in der ich selber vorkam. Diese Geschichten von und mit Jesus spiegeln mein Wissen über die Bibel und meinen persönlichen Glauben wider. Einige von ihnen möchte ich in der nächsten Zeit hier veröffentlichen.

Ich möchte euch dadurch auch dazu anregen, dass ihr nach eurem Ort in der Geschichte mit Jesus sucht, dass ihr eure eigene Geschichte mit ihm findet – und dass sich euch wie mir neue Horizonte öffnen.

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Das Beitragsbild zeigt das Kardinal-Volk-Haus (Mitte: Altbau, rechts: Neubau; links und im Hintergrund das Hildegard-Kloster der Kreuz-Schwestern)
© Erik Thiesen

Bücher:
Willi Lambert, Das siebenfache  Ja, Einübung in die Exerzitien, Echter 2004
Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Echter 1994

Lichtblick der Woche

sdr

Nach zwei Wochen getrennt wieder zusammen,
nach zwei Wochen schweigen wieder reden,
nach zwei Wochen Exerzitien spirituell gestärkt,
und dann ein Mittagessen im Hildegard-Forum in Bingen, unter dem Apfelbaum bei strahlendem Wetter – das sind gleich viele Lichtblicke der Woche.

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Das Beitragsbild zeigt das Hildegard-Forum, vom Kardinal-Volk-Haus aus gesehen.
Beide Bilder © Erik Thiesen