Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

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Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Weiterlesen

Lerngemeinschaft

Der Gottesdienst heute war wieder ein besonderes Erlebnis, gemeinsam gestaltet mit Thomas Flower als Lektor und Ute Andresen als Liturgin. Und hier ist die Predigt. Die Grundlage ist das „3. Gottesknechtslied“, Jesaja 50, 4-9.

 

Liebe Gemeinde!

Wir gehören zu den Guten. Okay, ich gebe zu, dass wir das in der Kirche sonst nicht so offen sagen. Denn normalerweise hören wir, dass wir keineswegs gut sind, sondern allzumal Sünder und unvollkommen, voller böser Gedanken und manchmal auch Taten. „Ihr nennt mich gut?“, fährt selbst Jesus seine Jünger an und macht klar: „Niemand ist gut außer Gott.“

Und doch – betrachten wir uns doch einmal unvoreingenommen. Also ohne die Einreden der Theologen und ohne schlechtes Gewissen: Im Vergleich zu anderen sind wir, sagen wir mal, ganz schön gut. Wir sind doch diejenigen, die sich kümmern, um Flüchtlinge oder Familienmitglieder, um die Nachbarn oder um die Umwelt. Wir haben uns vorgenommen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Weiterlesen

Das Buch mit den sieben Siegeln

Mein Dank gilt allen, die bei „Zwischen Himmel und Erde“ über den Predigttext Offenbarung 5, 1-5 mitdiskutiert haben. Mein Dank gilt Timo Milewski, der den Gottesdienst im Immanuel-Haus gestaltete, Elme Brinkmann-Conring für die Musik, Reinhard Münster als Küster und allen, die dabei waren und mir einfach durch ihr Dasein Kraft und gute Laune gegeben haben.

Meine Aufgabe war es, die Begrüßung und die Predigt zu halten:

ImmanuelBegrüßung

Liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 1. Advent begrüße ich Sie herzlich gemeinsam mit Timo Milewski. Timo wird den Gottesdienst mit dem Abendmahl gestalten, ich werde nur die Predigt halten. Der Grund ist die Chemotherapie, die morgen für mich in die 2. Hälfte geht. Wegen der Gefahr einer Infektion muss ich auch körperlich möglichst Abstand halten und bitte darum um Verständnis.

Advent – die Zeit der Erwartung, eine Zeit der Sehnsucht: dass in der Dunkelheit Lichter angezündet werden und es hell wird in unserer Welt und in unserem Leben. Dass wir, wenn es kalt wird, näher zusammenrücken und uns gegenseitig wärmen. Dass in einer Welt des Unheils das Heil größer und stärker sein möge. Weiterlesen

* Das größte Gebot

Einmal wurde Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt: „Meister, was ist das größte Gebot?“ Da antwortete er: „‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt lieben‘. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,35-40)

Es liegt mir fern, den Meister in Frage zu stellen. Ich möchte ihn aber gerne ergänzen: „Ein drittes aber ist ihnen gleich…“, und dem Doppelgebot der Liebe Micha 6,8 zur Seite stellen.

Jahrzehntelang fand ich diesen Vers allerdings nur mittelmäßig. Denn ich las ihn in der Übersetzung Martin Luthers: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Der Herr fordert, sein Wort zu halten und demütig zu sein – das ist ein extrem autoritärer Glaube, der mir schlicht nicht liegt.

Dann las ich vor ein paar Jahren in der Evangelischen Zeitung in einem Artikel über den Zen-Buddhisten Hinnerk Polenski: „Nach Polenski beschreibt ein Wort des alttestamentlichen Propheten Micha präzise den Weg des Zen und sei eine Brücke zum Christentum: ‚Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.'“ Weiterlesen

Update und Idee

Aus aktuellem Anlass

Knapp vier Wochen Chemo sind geschafft, gut acht kommen noch. Und die Nebenwirkungen sind sehr unberechenbar. Die erste Woche war zweifellos die härteste, aber auch in der vergangenen gab es zwei Tage, die so gar keinen Spaß gemacht haben. Nach wie vor lebe ich wegen der Infektionsgefahr für meine Verhältnisse relativ zurückgezogen.Und vom Großteil meiner Haare musste ich mich schon verabschieden.

Doch ich kann spazieren gehen, bloggen – und an die Predigt zum Gottesdienst am 1. Advent denken.

Und das führt mich auch gleich zur Idee. Ich vermisse unsere Bibel- und Glaubensgespräche. Sie waren voller Energie und Emotion, Zweifel und Glauben, Fragen und – meist vorläufigen – Antworten und sind nicht wirklich zu ersetzen. Aber vielleicht müssen wir nicht ganz darauf verzichten.

Wir haben doch Facebook.

Und dort existiert seit heute eine geschlossene Gruppe mit dem Namen „Zwischen Himmel und Erde“. Wie wäre es, wenn wir uns dort treffen würden, um uns über Bibel und Glaubensfragen auszutauschen? Das erste Thema könnte dann gleich der Bibeltext für den 1. Advent sein, Offenbarung 5, 1-5. Der ist dann auch gleich so crazy, dass er entweder sprachlos macht oder für viel Gesprächsstoff sorgt.

Regeln würde es in dieser Gruppe natürlich auch geben:

  1. Keine Meinung ist zu klug, zu unvernünftig, zu fromm oder ketzerisch oder was auch immer – vorausgesetzt, sie ist ehrlich. Es gibt kein falsch und richtig in Glaubensfragen. Es gibt nur wahrhaftig oder nicht.
  2. Hasskommentare oder solche, die unsachlich sind, werden herausmoderiert. Und alles, was gegen geltendes Recht verstößt, natürlich auch.
  3. Konstruktiver Streit ist durchaus erwünscht. Das schließt aber den Respekt vor anderen Meinungen ein.

Und, seid ihr interessiert?

Bibel evolutionär

Nun aber.

Nachdem Legionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Theologie, Soziologie, Psychologie, Archäologie und anderen Disziplinen die Bibel auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben, kommt jetzt das ultimative schaik-michel-e1507967179979.jpgBuch über das Buch der Bücher, das „Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel. Zumindest wenn man ihren eigenen Worten glaubt.

Das ist 50 Seiten sehr witzig und anregend, 50 Seiten nervig und dann 400 Seiten solide – insgesamt aber unbedingt lesenswert. Die Autoren lesen die Bibel aus evolutionsbiologischer Sicht, respektlos, wie es sich für Agnostiker gehört, aber auch – und das ist selten – voller Begeisterung. Die Bibel, sagen sie, „hat jede Menge ungehobener Schätze zu bieten. Es wäre schade, bliebe sie nur der Religion vorbehalten“ (S. 19). Und sie gehen davon aus: „Die Bibel hat zahllose Autoren. Gott war aller Wahrscheinlichkeit nicht darunter.“ (S. 24)

Ihre Grundthese: Über Jahrhunderttausende hat sich der Mensch der Umwelt als Jäger und Sammler angepasst. Diese genetische Grundausstattung, zu der auch die Religiosität gehört, tragen wir in uns. Dann kam der „Sündenfall“, die Sesshaftwerdung, die Vertreibung aus dem natürlichen Paradies, die dann auch in 1. Mose 3 ihren Niederschlag gefunden hat. Neue Katastrophen mussten bewältigt werden in einer Geschwindigkeit, die von der biologischen Evolution nicht mehr geleistet werden konnte. Der Mensch passte sich trotzdem an – mit Hilfe der „kulturellen Evolution“, die vor allem von den Vertretern der Religion übernommen wurde. Und die Bibel ist dafür ein, wenn nicht das hervorragende Zeugnis.

Nicht alle Argumente der Autoren finde ich gleichermaßen überzeugend. Wie kann ein Prozess, der vor über 10.000 Jahren stattgefunden hat, etwa 700 v.Chr. niedergeschrieben worden sein? Carel van Schaik und Kai Michel erwecken den Eindruck, als ob die Bibel ein Lehrbuch der kulturellen Evolution sei. Sie behandeln es aber eher als Bilderbuch ihrer eigenen Thesen.

Und sicher gibt es gute Gründe für die die These, dass es einen ständigen Konflikt zwischen intellektueller Priesterreligion und einfacher Volksreligion gab, zwischen Monotheismus und Polytheismus. Die Autoren sehen seinen Ursprung darin, dass eine herrschende Priesterkaste dem ständig widerstrebenden einfachen Volk seine Dogmen aufzwingen will. Ich glaube, dass diese Vorstellung eher dem Muster moderner säkularer Kirchen- und Religionskritik entspricht als der komplexen Realität damals.

Und doch hat mich dieses Buch fasziniert. „Die Bibel ohne Heiligenschein geht alle an“, schreiben die Autoren. Ja, sie fängt dadurch sogar noch einmal an zu leuchten. Religion ist komplex und ein Zusammenspiel vieler Menschen und Gedanken. Sie ist nicht Gegnerin, sondern Ursprung der Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit den wesentlichen Fragen der Menschen. Und gerade weil die Antworten so unterschiedlich sind, ja zum Teil widersprüchlich, sind sie immer noch aktuell.

Und ich glaube: Aktueller als die Autoren meinen. Carel van Schaik und Kai Michel behaupten, dass die Wissenschaft die Religion als Welterklärerin abgelöst hat und dass die Menschenrechte von modernen Institutionen mindestens genauso gut bewahrt werden wie von Religionen. Da ist etwas dran.

Aber ich glaube, dass die Kirche nicht nur eine Zukunft im Bereich der ursprünglichen intuitiven Religion hat. Ich entdecke gerade neue Zusammenhänge zwischen Glaube und Wissenschaft, zwischen meiner christlichen Tradition und der modernen Medizin. Die Realität ist wahrscheinlich komplexer als sich zwei säkulare Wissenschaftler – aber auch eine Menge Theologen – ausmalen können.

Insofern dürfte Shakespeares Satz in beide Richtungen stimmen: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit – und, wie ich hinzufüge: eure Theologie – sich träumt.“ Das „Tagebuch der Menschheit“ erzählt von mehr als einem solchem „Ding“.

 

Das Beitragsbild zeigt den „Sündenfall“ von Michelangelo.
http://www.heiligenlexikon.de/Fotos/Eva2.jpgTransferred from de.wikipedia to Commons by Roberta F. using CommonsHelper., 9 September 2007 (original upload date), Original uploader was Nitramtrebla at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7556462

 

* Rendezvous in Athen

Ein fiktives Gespräch mit Paulus, aufgezeichnet während der Exerzitien in Bingen im Juli 2016

Zu den Bibeltexten, die mir während der Exerzitien zur Meditation mitgegeben waren, gehörte auch Römer 1,18-32. Paulus zieht dabei in unglaublicher Weise über Nichtchristen her, und der ganze Abschnitt ist durchzogen von einer misanthropischen und homophoben Grundhaltung. „Das kann ich nicht akzeptieren“, meinte ich zu Pfarrer Mückstein – und dachte, damit wäre der Fall erledigt. Doch der Spiritual vermutete hinter meinen emotionalen Ausführungen einen inneren Konflikt. Etwas, das Ignatius „ungeordnete Anhänglichkeiten“ nannte, die unbedingt bearbeitet werden müssen, ehe man davon unbelastet den Weg weitergehen kann. Und er riet mir, mich mit Paulus auseinanderzusetzen. „Aber das habe ich doch schon getan“, meinte ich. „Schon“, war sein Einwand, „aber nur auf intellektueller Ebene. Mein Vorschlag ist: Gehen Sie zu ihm und sprechen mit ihm. Er ist, wie Sie, ein Mensch, der eine wichtige und befreiende theologische Entdeckung gemacht hat und das unbedingt weitergeben will. Möglicherweise sitzen Sie im selben Boot. Besprechen Sie das mit ihm. Und am besten laden Sie Jesus zum Treffen mit ein.“ 

Die Idee reizte mich. Und so arrangierte ich ein Treffen mit Paulus. Hier ist mein Bericht. Weiterlesen

* Bruno Latour: Jubilieren

Jubilieren - Latour, Bruno„Jubilieren – oder die Qualen religiöser Rede, dazu möchte er etwas sagen, aber es gelingt ihm nicht.“ So beginnt Bruno Latour sein Buch über eine Sprachform, die, wie er meint, früher einmal so viel Kraft entfaltet hat und heute nur noch fade geworden ist. Und er schämt sich. Er schämt sich, weil es ihm nicht gelingen will, das rechte Wort zu finden. Aber er schämt sich auch „dessen, was sonntags, wenn er zur Messe geht, von der Höhe der Kanzeln herab ertönt; aber er schämt sich auch des ungläubigen Hasses oder der belustigten Gleichgültigkeit derer, die über die spotten“. Weiterlesen

Die Sprachen der Bibel

Wie ich wurde, was ich bin III

Eine besondere Herausforderung zum Beginn des Theologiestudiums sind die Sprachen. Latein hatte ich schon in der Schule gehabt und nicht geliebt. Griechisch, die Sprache des Neuen Testaments, ist in seinem Aufbau ganz ähnlich, auch wenn die Buchstaben anders aussehen. Hebräisch fand ich viel cooler. Weiterlesen

* Das Mose-Puzzle

Wie ich wurde, was ich bin II

Gleich meine erste Vorlesung im Studium beschäftigte sich mit der Genesis, dem 1. Buch Mose. Und der Professor nahm wenig Rücksicht auf die evangelikalen Studenten unter uns – zu denen ich ja auch gehörte. Erbarmungslos zeigte er die Widersprüche in den Geschichten von der Schöpfung bis zum Turmbau von Babel auf: Die Entstehung der Welt in sieben Tagen? Und dann gleich dahinter eine zweite Schöpfungsgeschichte? Wo kamen die Menschen her, mit denen Kain Städte gründete? Wie passten alle Tiere in die Arche? Und dann die kleine skurrile Geschichte in Genesis 6 von den Gottessöhnen, die sich Menschentöchter zu Frauen nehmen. Als er fertig war, war ich es auch.

Und dann fing er an, alles mit der historisch-kritischen Methode zusammenzusetzen. Und plötzlich machte es Sinn. Weiterlesen