Nicht ganz so Stille Nacht

Früher war ja alles besser, so die allgemeine Meinung. Und wenn schon nicht alles, so zumindest Weihnachten. Der Adventsschmuck kam erst nach dem Ewigkeitssonntag ins Haus, die Weihnachtsbäckerei eröffnete am 1. Advent, leuchtende Kinderaugen allüberall, und am Heiligabend ging die ganze Familie in die Kirche, versammelte sich dann um den Tannenbaum, und alle waren dankbar für alle Geschenke. Und heute? Spekulatius gibt es schon im Oktober, die Adventsbeleuchtung führt die E-Werke an ihre Grenzen, nörgelnde Kinder im Advent und an Weihnachten selbst bei den teuersten Geschenken – und überhaupt: Ist ja sowieso alles nur Kommerz. Übrigens: Wer waren nochmal Maria und Joseph?

Es ist wahr: Die christliche Botschaft tritt zunehmend in den Hintergrund. Auch das Kirchenjahr hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Kein Wunder, ist die Religion in Deutschland doch eher auf dem Rückzug.

Die Kirche kann sich nun auf ihre Kernkompetenz zurückziehen und ist dann vor allem für die Kerngemeinde da. Das machen wir auch in Niendorf auf, wie ich finde, ziemlich hohem Niveau: Gottesdienste, Konzerte, Weihnachtsfeiern – der Kalender ist gut gefüllt.

Außerhalb der Kirchenmauern werden zwar alte Traditionen aufgenommen, aber der amerikanische Einfluss ist auf dem Weihnachtsmarkt unübersehbar – und unüberhörbar: Rudolph, the red-nosed reindeer statt Vom Himmel hoch, Tipi-Lounge statt Stall von Bethlehem. Krippe Tibarg

Moment – die Heilige Familie ist doch auch auf unserem Weihnachtsmarkt zu sehen, sogar lebensgroß. Und es gibt noch einen anderen Ort, an dem sich „Welt“ und „Kirche“ begegnen: beim Waldsingen.

Vor über 30 Jahren hatte die Freiwillige Feuerwehr die Idee und realisiert sie Jahr für Jahr gemeinsam mit der Kirchengemeinde und der Arbeitsgemeinschaft Tibarg auf dem Kinderspielplatz hinter der Kirche: Gemeinsames Singen von alten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern. Damals führte Horst Moldenhauer noch teilweise plattdeutsch durch das Programm, Musikgruppen aus Niendorf und Umgebung spielten und sangen, und der Pastor hielt eine kleine Ansprache. So ist es bis heute geblieben. Robert Hertwig Waldsingen1steht mit seinem „Posaunix“ vor allem in deutscher Tradition von „Alle Jahre wieder“ bis „Leise rieselt der Schnee“, die Bigband der Garstedter Feuerwehr hat eher „Winter Wonderland“ und „Feliz Navidad“ im Programm. Andere Personen und Gruppen haben seitdem gewechselt.

Vor 20 Jahren „erbte“ ich die Ansprache von Pastor Trunz. Und ich überlegte, wie ich auch die religiös eher Unmusikalischen interessieren könnte. Weil das Waldsingen nun eine Mischung aus Folklore und christlichen Traditionen ist, schien mir das Plattdeutsche eine gute Wahl. In dieser Sprache hört es sich viel freundlicher an, was auf hochdeutsch einfach nur grob wirkt. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob das Wohlwollen der Zuhörenden eher darauf beruht, dass Plattdeutsch nicht mehr so gebräuchlich ist. „Es war so nett“, meinte einmal eine Besucherin. „Ich habe kein Wort verstanden, aber so nett.“ Trotzdem hoffe ich, dass das eine oder andere doch rüberkommt. waldsingen3-e1544619332776.jpg

So ist das geblieben – bis auf die letzten zwei Jahre, in denen ich aus gesundheitlichen Gründen passen musste. Aber in diesem Jahr soll es wieder so weit sein. Daniel Birkner übernimmt die Moderation, die plattdeutsche Ansprache steht schon auf dem Papier, und am Freitag, den 14.12. um 19 Uhr ist es so weit. Und ihr seid alle eingeladen.

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Bilder © Arbeitsgemeinschaft Tibarg, http://www.tibarg.de
Beitragsbild: Blick von den Mitwirkenden aus Richtung Kirche; rechts das Glühweinzelt der Feuerwehr, links die Anna-Warburg-Schule.
1. Bild: Die Krippe auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt, Tibarg.
2. Bild: Blick Richtung Kirche.
3. Bild: Blick auf die Mitwirkenden.

Kritisch: der Volkstrauertag

 

Der Krieg war 12 Jahre vorbei, als ich geboren wurde. Mein Großvater war damals bei den Besatzungstruppen in Dänemark und desertierte, ehe er an die Ostfront kam. Mein Vater war ein „weißer Jahrgang“ und hatte weder mit der Wehrmacht noch der Bundeswehr zu tun. Das Einzige, was ich in meiner Kindheit und Jugend mit dem Krieg verband, war ein Bombentrichter auf unserem Land.

Erst im Vikariat habe ich zum ersten Mal bewusst den Volkstrauertag gefeiert, am Ehrenmal mit Kranzniederlegung, Rede und „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Ich konnte herzlich wenig damit anfangen. Bis heute kann ich keinen Sinn darin sehen, dass so viele deutsche Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg gestorben sind.

In Niendorf musste ich dann bald selbst die Ansprache zum Volkstrauertag halten. Ich formulierte sehr vorsichtig, und doch waren Angehörige von Gefallenen und ehemalige Wehrmachtssoldaten enttäuscht. Sie hatten erwartet, dass ich den Kampf als „Vaterlandsverteidigung“ rechtfertigte. Mahnmal

Dabei hatte sich die Niendorfer Tradition schon von Anfang an von der des „Heldengedenktags“ verabschiedet. Ich lernte schon früh von meinem Kollegen Pastor Trunz, dass wir hinter der Kirche kein Ehrenmal, auch keinen Gedenkstein und schon gar kein Kriegerdenkmal haben, sondern ein Mahnmal. Unser Vorgänger Claus Seebrandt hatte es gemeinsam mit dem Niendorfer Hans Wullenweber errichten lassen und auf der Inschrift bestanden: „Schaffet Frieden“.

Damals wurden an diesem Mahnmal nach meiner Erinnerung vier Kränze niedergelegt – von der CDU, den Sozialverbänden, den Reservisten und der Freiwilligen Feuerwehr. Das passte zu meiner Vorstellung einer eher konservativen Veranstaltung. Dann aber hörte ich aus Lokstedt, dass die Vereine sich auf einen gemeinsamen Kranz verständigt hatten. Bildergebnis für niendorf volkstrauertagDiese Idee fand ich stark, und bald hatten wir sie auch in Niendorf umgesetzt.

Unser Motto ist seitdem gleich geblieben: Gedenken der Opfer – Mahnung zum Frieden. Auf der Kranzschleife sind nun die unterschiedlichen Niendorfer Parteien und Vereine vereint und machen deutlich: Wir gehen unterschiedliche Wege, haben aber ein gemeinsames Ziel: den Frieden.

Die Ansprache hält seitdem auch nicht mehr der Pastor, sondern ein Vertreter oder eine Vertreterin der Vereine und Verbände: Sie hielten persönliche und nicht selten sehr bewegende Reden: Die Feuerwehr würdigte seinerzeit das Engagement der Kameraden beim Anschlag auf das World Trade Center, die Behinderten-AG und der SoVD warben um Integration, die Reservisten erinnerten daran, dass sich auch heute deutsche Soldaten in gefährlichen Einsätzen befinden. Der Bezirksamtsleiter machte das gemeinsame Engagement für den Frieden zum Thema, und eine Jugendliche berichtete von ihrem Einsatz mit dem Volksbund dt. Kriegsgräberfürsorge in Polen – und wie sie Versöhnung mit einem alten Kriegsteilnehmer erlebt hat.

Auch wenn der Feiertag schon etwas angestaubt und die Teilnahme gerade von Jugendlichen eher übersichtlich ist – das Anliegen ist und bleibt aktuell. Es gibt zwar immer weniger Menschen, die den Krieg noch erlebt haben. Doch zu uns kommen andere, die vor ihm fliehen, aus Afghanistan oder Ostghuta, Jemen oder Kongo, vor Leid, Schmerz und Tod. Es lohnt jeden Einsatz, den Frieden zu bewahren und zu schaffen. Und am Volkstrauertag erinnern wir uns daran, dass wir uns in diesem Ziel einig sind.

 

Ein guter Anfang

Heute waren wir im Gottesdienst. Und dabei haben wir das Haus gar nicht verlassen. Wir waren dabei, als bei uns im Norden der erste interaktive Sublan-Gottesdienst stattfand. In der St. Nikolaikirche zu Hamburg-Harvestehude, gehalten von den Pastorinnen Maren Schack und Corinna Senf sowie Hauptpastor Martin Vetter.

Sublan ist die Firma, die das Ganze entwickelt hat und betreut. Man kann es sich etwa so vorstellen wie eine Mischung aus Fernsehgottesdienst und Videokonferenz. Smartphones und Tablets waren ausdrücklich erwünscht, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch zuhause. Trotzdem gab es eine Reihe bekannter traditioneller Elemente: Kirchenlieder, Begrüßung, Psalm im Wechsel, Lesung, Abkündigungen, Fürbitten, Vater unser und Segen. Neu waren die Grüße, die übers Netz auf die Tablets eintrudelten. Als Predigt gab es eine Dialogansprache. Den größten Umfang nahm dann die Beantwortung der Fragen ein, die aus aller Welt gestellt werden konnten. Ach ja, und zum Schluss kam auch noch der Segensroboter „BlessU2″zum Einsatz.

Die Reaktionen, die danach eingeblendet wurden, waren zum allergrößten Teil positiv. Und ich fand die ganze Veranstaltung auch gut. Durch die Dialoge und das Frage-und-Antwort-Spiel ging die Zeit flott vorbei. Die jüngere Generation wurde offensichtlich weit mehr angesprochen als durch den traditionellen Gottesdienst. Und die Gemeinde erreicht viel mehr Menschen.

Nicht so viele wie der Fernsehgottesdienst. Dort sind es im Schnitt 700.000 Zuhörende. Pro Gottesdienst! Davon kann Sublan bis jetzt nur träumen. Aber es ist ja – hoffentlich – erst der Anfang.

Thomas Hirsch-Hüffell schrieb auf Facebook: „Spaßig. Wirr. Liebevoll bemüht. Herausforderung für alle Entweder-Oder Typen.“ Ja…. da passte in der Tat noch nicht alles zusammen.

So konnte sich das Team nicht wirklich entscheiden, welches Thema denn nun im Mittelpunkt stehen sollte. Offiziell, also von der Lesung her, war es 1. Thessalonicher 15,14-24. Da geht es dann vor allem um das Verhalten in der Gemeinde. Und es steht dort auch der Satz: „Prüfet alles und das Beste behaltet.“ Und das war dann immer wieder die Brücke, um zu prüfen, ob so ein interaktiver Online-Gottesdienst wirklich ein gutes Format ist.

Das wurde natürlich auch durch die Teilnehmenden provoziert. Viele, vielleicht sogar die meisten waren nicht wirklich an einer tiefgehenden inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Bibeltext interessiert. Im Vordergrund stand dann eher der Unterhaltungsfaktor. Ein solches Frage-und-Antwort-Spiel bevorzugt zweifellos auch eher die spontanen Typen. Wer schlagfertig und witzig ist, ist eindeutig im Vorteil.

Wir Pastorinnen und Pastoren haben dagegen eher gelernt, nach einem längeren Denkprozess einigermaßen sinnvolle Gedanken zu formulieren. Auch mir kommen die besten Ideen meistens erst mit Anlauf.

Und es ist möglicherweise auch kein Zufall, dass sich solche Formate vor allem im frommen Milieu durchgesetzt haben – dort, wo die Antworten einfach klarer und einfacher sind und früher feststehen als bei den eher philosophisch veranlagten Typen.

Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht. Wird sich der traditionelle Gottesdienst halten können? Welche neuen Elemente werden sich durchsetzen? Ich bin überzeugt, dass wir hier erst am Anfang einer spannenden Entwicklung stehen.

Und hier ist noch einmal der gesamte Gottesdienst zum Nacherleben. Er fängt übrigens erst bei Minute 30 an:

Weltfrieden

Auf der Suche nach entspannender Unterhaltung landeten wir eines Abends beim Netflix-Film „Miss Undercover“. Der Streifen ist nicht weiter erwähnenswert. Es geht um eine harte, ziemlich schlampige FBI-Agentin (Sandra Bullock), die undercover bei einem Schönheitswettbewerb eingeschleust wird, um einen Terroranschlag zu verhindern. Dazu wird sie von einem Styling-Berater (Michael Caine) innerhalb von drei Tagen soweit fit gemacht, dass sie bei der Miss-Wahl den 3. Platz erreicht. So weit, so unglaubwürdig.

Und doch gibt es einige nette Szenen, besonders wenn die Wahl selbst auf die Schippe genommen wird. So sollen die Kandidatinnen sagen, was ihnen das Wichtigste für unsere Gesellschaft ist. Die Antwort ist praktisch vorgegeben.

Weltfrieden also. So erwartbar wie belanglos.

Eine ähnliche Veranstaltung wie eine solche Miss-Wahl gibt es auch im kirchlichen Bereich. Ihr Titel: Weihnachtsgottesdienste. Darsteller: Die leitenden Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und formuliere jetzt schon den Text für die Tagesschau am 24. Dezember 2018:

„Die Kirchen thematisieren in ihren Weihnachtsansprachen besonders die Flüchtlingsfrage und die Missbrauchsfälle in ihren Reihen. Der leitende Bischof der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigte sich besorgt über den schwindenden Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Es brauche mehr ziviles Engagement, so der Bischof, damit den demokratiefeindlichen Tendenzen begegnet werden könne. In diesem Zusammenhang dankte er ausdrücklich den Ehrenamtlichen, die sich gerade auch im Bereich der Kirche für die Geflüchteten einsetzen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz verurteilte noch einmal die Missbrauchsfälle und versicherte, dass die Kirche alles dafür tun würde, für die Opfer einzutreten…“

Ich bin gespannt, ob sich die Bischöfe an mein Drehbuch halten werden. Da ich aber von ihnen zu solchen Gelegenheiten noch nie etwas Überraschendes gehört habe, wird dieses Szenario nicht weit von der Wirklichkeit entfernt sein. Es sollte mich freuen, wenn es anders wird.

Ausgelöst wurden meine Befürchtungen übrigens von einem Artikel, den Bischof Bedford-Strohm in der kirchlichen Zeitschrift „Zeitzeichen“ zum Thema „Musik“ veröffentlichte. Dort tauchten dann Sätze auf wie: „Singen tut der Seele gut … Als Bischof darf ich bei vielen Festveranstaltungen dabei sein … Die Männerstimmen des Männergesangvereins … Das Weihnachtsoratorium … Der Landfrauenchor, der Lieder aus der Heimat singt … Die Kindergartenkinder … der Gospelchor, der eine Begeisterung ausstrahlt … Das Luther-Oratorium … Großer Gott, wir loben dich … Kirchentag … Viele Menschen gewinnen im Singen neue Kraft für den Alltag…“ Der Bischof findet alles super.

Das ist alles nicht falsch, und doch nehme ich es ihm nicht ab. Entweder hat er einen unendlich weiten oder überhaupt keinen Geschmack. Ich persönlich habe schon unsägliche Posaunenchöre und langweilige Festgottesdienste erlebt. Für mich liegen Welten zwischen Fritz Baltruweit und Detlev Jöcker. Mir liegt der Blues näher als die Klassik. Und Kinderchöre gewinnen sehr, wenn mein eigener Sprössling mitmacht.

Natürlich erkenne ich ehrenamtliches Engagement an. Ich habe fantastische Kinderchöre gehört, und das Weihnachtsoratorium hat mich schon zu Tränen gerührt. Aber ich finde bei weitem nicht alles toll, nur weil es von der Kirche kommt.

Wenn alles gleich gültig ist, wird es gleichgültig. Wenn ich nur das Erwartete und Erwartbare sage, werde ich banal und egal.

Denn für den Weltfrieden sind wir doch irgendwie alle.

 

Toleranz im Christentum

Vor einigen Jahren nahm ich zwei Bändchen aus meiner Bibliothek mal wieder in die Hand mit den Titeln „Griechische“ und „Lateinische Kirchenväter“, beide von Hans von Campenhausen. Er versammelt darin bedeutende Theologen der Frühzeit. Die meisten von ihnen waren mir auch sonst aus dem Studium bekannt, kluge Denker wie Origenes, Basilius, Athanasius, Tertullian und Augustinus. Sie hatten aber alle ein körperfeindliches Menschenbild – Origenes soll sich sogar entmannt haben, um nicht in Versuchung zu geraten – und waren die meiste Zeit damit beschäftigt, Andersdenkende zu bekämpfen. Eine Ausnahme ist vielleicht ausgerechnet Origenes, der selbst Schwierigkeiten mit der kirchlichen Hierarchie bekam.

Und dann stieß ich auf einen Mann, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Synesios von Kyrene (ca. 370-412). Ich war fasziniert. Bei Wikipedia läuft er als „Philosoph“. Er war reich und hervorragend gebildet. Er war Schüler der klügsten Philosophin der damaligen Zeit, Hypatia von Alexandrien, die ihrerseits von intoleranten Christen gelyncht wurde. Beide waren Neuplatoniker, und Synesios versuchte die Philosophie mit dem Christentum zu verbinden. Etlichen christlichen Lehren hat er entschieden widersprochen. So war er der Meinung, dass die Erde schon ewig bestehe und nicht irgendwann in der Zeit erschaffen worden sei, dass es eine unsterbliche Seele gebe und die Auferstehung ausschließlich geistig zu verstehen sei.

Das musste ihn in der Kirche verdächtig machen. Andererseits wurde er von der athenischen Philosophenschule nicht zu den höheren Kursen zugelassen, weil sie seinem Christentum misstrauten. Ein Mann zwischen allen Stühlen also.

Und doch hatte er ein solch hohes Ansehen, dass er Politiker und Militärbefehlshaber war und – gegen seinen Widerstand – später zum Bischof gewählt wurde. Nur sein Grundanliegen, eine Brücke zwischen Philosophie und Theologie zu schlagen, blieb auf lange Sicht wirkungslos. Es setzten sich die kirchlichen Scharfmacher durch, mit zum Teil fatalen Folgen.

Ähnlich ging es ein paar hundert Jahre später dem spanischen Theologen Raimundus Lullus (1232-1316). Ich hatte den Namen schon einmal gehört, als mir ein Mitglied unserer Gemeinde, das zum Islam konvertierte, „Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“ schenkte. Ein Heide möchte gerne wissen, welche Religion die beste sei. Jeweils ein Jude, ein Moslem und ein Christ versuchen ihn nun in mehreren Gesprächsgängen von den Vorteilen der eigenen Auffassung zu überzeugen. Natürlich kommt der Christ dabei tendenziell ein wenig besser weg. Aber Lullus ist für seine Zeit erstaunlich objektiv. Und vor allem gehen alle vier auseinander, ohne dass sie zu einer endgültigen Einigung kommen. Sie verabreden am Ende des Buches weitere Gespräche.

Und das ist himmelweit von den sonstigen Apologien und Streitschriften der damaligen Theologen entfernt. Besonders auch von den Ausfällen eines Martin Luther. Wie man ein ganzes Jahr während der Reformationsdekade dem Thema „Toleranz“ widmen konnte, ist mir ziemlich schleierhaft. Es war vielmehr die hochgradige Intoleranz der Protestanten wie der Katholiken, die die Toleranz in Europa befördert haben: Indem die Konfessionen im 30-jährigen Krieg so verbissen übereinander hergefallen sind, dass die Kontrahenten Verabredungen treffen, irgendwie zusammenzuleben, ohne sich die Köpfe einzuschlagen – einfach um zu überleben.

Intoleranter als Luther noch war wohl nur Calvin, der sogar den „Häretiker“ Michael Servet auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Dagegen protestierte, soweit ich weiß, damals nur ein Theologe, Sebastian Castellio. Von dem hatte ich bis vor drei Jahren noch überhaupt nichts gehört. „Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“, schrieb er an Calvin. Der wiederum antwortete erst mit Zensur, dann mit Gegenschriften und schließlich mit einer Häresie-Anklage, die dann nur durch den frühen Tod Castellios fallen gelassen wurde.

Alle drei Autoren wurden zwar auch nach ihrem Tod gedruckt und gelesen, aber eher im Untergrund und von solchen, die mit der kirchlichen Hierarchie selbst Streit hatten. Die Mainstream-Theologie nahm kaum Notiz von ihnen. Geprägt wurde die Kirche also über weite Strecken von intoleranten Hardlinern. Das hätte nicht so kommen müssen.

Synesios, Lullus und Castellio sind meine „Kirchenväter“, in deren Tradition ich mich verstehe. Ich wünsche mir für mich ihren Mut, ihre Klarheit und ihre Toleranz.

Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Die beste Hochzeit aller Zeiten

Die Hochzeit ist ein tolles Fest: Zwei Menschen sagen: Wir wollen zusammen bleiben unser Leben lang. Der Weg zu dieser Entscheidung war manchmal schwierig. Und der Ehealltag liegt noch vor ihnen. An diesem Tag aber feiern wir ihre ungetrübte Partnerschaft. Ich liebe Trauungen.

Das geht nicht allen meinen Kolleginnen und Kollegen so. Öfters schon hörte ich die Klage: „Bei diesem Fest sind wir doch nur die Zeremonienmeister.“ Und ich denke: Ja, genau das möchte ich sein. Ein guter Meister der Zeremonie.

Denn eine gute Zeremonie ist viel mehr als schöner Schein. Sie ist gleichzeitig Ausdruck unserer Gefühle und Einstellungen und vertieft sie noch. In der Kirche nennen wir sie „Liturgie“. Auf sie wollen wir ja auch in keinem Gottesdienst verzichten.

Zugegeben, die meisten Brautpaare setzen bei der Zeremonie in der Regel andere Schwerpunkte als wir Geistliche. Wir würden gerne den Segen in den Mittelpunkt stellen, oder die Liebe und die Treue. Und dann reden wir hauptsächlich übers Fotografieren und über den Einzug der Braut.

Als ich meine prinzipielle Aversion gegen diese Wünsche einmal überwunden hatte, fand ich die Diskussionen darüber ausgesprochen spannend. Was passiert eigentlich beim Segen? Kann man dieses Geschehen mit einem Foto reproduzieren? In gewisser Weise ja, denn das Foto erinnert uns an die Gefühle, die wir in dieser Situation hatten. Und wir können sie auch später mit anderen teilen – das ist ja geradezu der Sinn eines Fotos. Aber ist es nicht angemessener, gerade beim Segen aufs Foto zu verzichten – um einen Raum zu schaffen für ein Ereignis und ein Erlebnis, das wir weder durch Bild noch durch Wort vermitteln können? Manche Paare hatten für solche Gedanken ein offenes Ohr, anderen blieben sie eher fremd.

Oder der Einzug der Braut mit ihrem Vater. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte dieser Brauch in Deutschland praktisch keine Rolle. Dann kamen Linda de Mol mit ihrer „Traumhochzeit“ und die Adelshochzeiten im Fernsehen. Und innerhalb von 15 Jahren wurde die bis dahin nur im angelsächsischen Raum vorherrschende Tradition zum festen Bestandteil deutscher Trauungen. Wir Geistliche waren dagegen. Weil der Ursprung allzu offensichtlich mittelalterlich war: Die Frau, vor der Ehe Eigentum des Vaters, wird nun zum Eigentum des Ehemannes. Warum um alles in der Welt tun sich das aufgeklärte Frauen an???

Auf die Spur brachte mich ein Artikel im Deutschen Pfarrerblatt: Mit dieser Tradition werde die Ablösung vom Elternhaus noch einmal zeremoniell begangen. Das konnte ich nachvollziehen. Aber wo bleibt der Mann und seine Familie? Und ich begann mit den Paaren zu experimentieren. Jetzt ziehe ich unter Glockengeläut mit dem Ehemann ein, die Gemeinde erhebt sich, und kurz darauf folgt die Braut mit ihrem Vater, und die Orgel beginnt zu spielen. Die Rolle der Bräutigamsfamilie kann dann individuell gestaltet werden. Ich fühle mich ganz wohl mit dieser Regelung.

Ein anderer Punkt sind die Lieder. „Lobe den Herren“ konnten viele noch mitsingen. Und oft kam auch die Gitarre zum Einsatz. „Herr deine Liebe“ war fast schon Standard. Aber ich mochte auch, wenn die Kirche bei „Laudato si“ ins Schwingen kam. Oder wenn die Orgel ein wunderbares Stück zum Auszug spielte.

Und ich habe mich immer gefreut, wenn die Gemeinde durch die Predigt nicht nur etwas zum Nachdenken, sondern auch etwas zum Schmunzeln hatte.

Natürlich steht mein Urteil fest, welche die beste Hochzeit aller Zeiten gewesen ist: meine eigene! Natürlich sind wir gemeinsam eingezogen. Der St.-Marien-Chor sang „Alles, was ihr tut“, unseren Trauspruch. Ein zweiter Chor aus Mitgliedern der Familie trat ganz überraschend auf. Pastor i.R. Schiel hielt die Ansprache, wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Und die Erinnerungen daran werden mit jedem Jahr schöner, denn es gibt keine Bilder vom Gottesdienst, die sie verfälschen könnten 🙂

Es macht mich allerdings auch glücklich, wenn auch die Paare, für die ich „Zeremonienmeister“ sein durfte, sagen: „Das war die beste Hochzeit aller Zeiten.“

Was bleibt

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und sie ist nicht nur die Summe der Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens. Sie ist das Band, das sein Leben umfasst und zusammenhält, dem Leben Sinn verleiht und unverwechselbar ist. Sie ist so etwas wie der rote Faden oder die goldene Schnur.

Immer habe ich in meinem Leben nach meiner Geschichte gesucht. Manchmal hatte ich sie verloren. Dann machte mein Leben keinen Sinn, ich verlor mich – in depressiven Gedanken, in Selbstvorwürfen oder in der Geschichte, die andere für mich erzählten. Dann wieder hatte ich das Gefühl, meine Geschichte wiedergefunden zu haben. Ich war bei mir selber, war innerlich stark und überzeugt davon, dass mein Handeln und Denken richtig war. Weiterlesen

Kirche für das 3. Jahrtausend

USA 88 – ein Resumee

Kurz nach unserer USA-Reise stellten Johannes und ich aus unseren Bildern Diaserien zusammen, nannten sie „Spiritualität und Weltverantwortung“, „Kirche in der Stadt“ oder gleich etwas unbescheidener „Überlebenschancen der Kirche“ oder gleich „Kirche für das 3. Jahrtausend“. Tatsächlich sahen wir in den christlichen Gemeinschaften, die sich jenseits der Konfessionen an der Bibel ausrichteten, Modelle für eine Kirche der Zukunft. Wir luden interessierte Bekannte ein, stellten die Bilder, Erfahrungen und Begegnungen vor, hatten intensive Diskussionen – und gingen dann bald als normale Pastoren in die Gemeinde. Entweder war die Zeit noch nicht reif für tief greifende Veränderungen oder wir waren es nicht – oder beides. Weiterlesen

Gemeinschaft total

Konsequent konservativ – 8. Teil der USA-Reihe

In New Jerusalem hatten wir zum ersten Mal von ihnen gehört: Den Bruderhöfern. Eine christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Hutterer, aber erst 1920 in Deutschland gegründet. Durch Verfolgung im 3. Reich wanderten sie über Paraguay nach Nordamerika aus und gründeten dort einige „Bruderhöfe“. Wir wurden neugierig.

Nach unserem Besuch im Kloster hatten wir noch eine Woche Zeit. Der nächste Bruderhof war Woodcrest in Rifton, nördlich von New York City. Und auch dort wurden wir herzlich aufgenommen.

Bruderhof MannBruderhof FrauWir fühlten uns in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück versetzt. Die Frauen mit Kopftuch und Kleid, die Männer mit Hosenträgern und Karohemd. Einige von ihnen sprachen auch noch einen deutschen Dialekt, der dem hessischen ähnelte. Wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, erzählte man uns, doch ab dem 2. Tag würde man von uns erwarten, in den Werkstätten mitzuarbeiten. Wir ließen uns gerne darauf ein. Weiterlesen